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Die Nacht der offenen Türen

Teil 2 des exklusiven Einkaufserlebnis: Beck-Kunde und Bestsellerautor Jan Weiler erfüllt sich einen Kindheitstraum und verbringt eine Nacht im Kaufhaus der Sinne. Ein Bericht. 

Nach drei Stunden emsigen Hin- und Hertragens habe ich einen Stapel Platten ausgewählt, die ich anderntags bezahlen will. Zwischendurch höre ich außer Musik immer mal wieder Geräusche. Jedes Mal reiße ich mir die Kopfhörer von den Ohren und schrecke hoch wie ein alertes Erdmännchen. Es ist aber nur das Haus. Knick, knack, pfeif, ächz. Weit nach Mitternacht fällt mir ein, dass ich erstens eine neue Hose brauche und zweitens im ganzen Haus mal nach dem Rechten sehen müsste. Mal gucken, was bei Agent Provocateur im Erdgeschoss los ist. Die haben so tolle Puppen da. Das tagsüber ironisch-frivole Ambiente der Abteilung wirkt in der nächtlichen Düsternis aber dann regelrecht gefährlich. Das gilt besonders für die stummen Damen. Ich setze mich zwischen sie und warte ab, ob etwas Erotisches geschieht. Passiert aber nix. Also schlendere ich durch die Kosmetikabteilung. Es stehen hier Millionen Stifte, Cremes, Fläschchen und Tiegel herum, manche zinnsoldatisch in Verkaufsdisplays, viele in den Regalen, auf Tischen, unter Glas, in Vitrinen. Ist es möglich, sämtliche Düfte hier und jetzt zu vermischen, Beck in einen nächtlich duftenden Garten zu verwandeln? Ich versuche es und drücke alle Tester, die ich finden kann. Dann bekomme ich Appetit, Lust auf einen Kaufhaussnack. Also rauf zu "Wieners", zum Café.

Im Brotzeitraum

Ich stehe vor einem großen Glas und denke darüber nach, ob ich ihm einen kleinen Guglhupf entnehmen soll. Mach doch, ruft es in mir drin. Merkt keiner. Ein Guglhupf mehr oder weniger. Und außerdem: Wer soll dich erwischen? So gesehen könnte ich natürlich gleich noch zwei Anzüge, einen Haufen Hemden und CDs mitgehen lassen. Aber dann lasse ich den Guglhupf im Glas. Warum sollte ich etwas stehlen? Nur weil ich es kann? Das ist armselig. Ich begebe mich in den Brotzeitraum, wo die Mitarbeiter Pause machen und feiern. Unter der Decke hängt zu diesem Behufe sogar eine Discokugel, die aber nicht oft in Gebrauch genommen wird, wie mir Andi erklärt hat. Gelegenheit dazu gäbe es häufiger. Die Abteilungen stehen in einem ständigen sportlichen Wettbewerb, was die Übererfüllung des Beck'schen Plansolls angeht. Im holzgetäfelten Brotzeitraum hängt eine Tafel, auf welcher vermerkt ist, welche Abteilung in diesem Monat als erste das Rennen in dieser Disziplin machen könnte. Die "Abendgarderobe" liegt vorn. Für sie ist jetzt Saison, sie kann mit ihren Zahlen glänzen. Eher abgeschlagen im Umfeld die "Bademode". Aber das macht nichts. Es wird auch wieder Mai, und dann setzt sie sich mühelos an die Spitze.

Kaufhäuser sind alles mögliche, nur nicht menschenleer.

Es ist halb zwei, und ich stromere ziellos über die Verkaufsflächen. Wenn man sämtliche Wege absolviert, kommt man auf einige Kilometer, und ich versuche, überall einmal entlangzugehen. Eine gewisse Beklommenheit will dabei nicht weichen. Andi hatte es mir prophezeit: "So ganz geheuer ist einem in der Nacht auch nach Jahren nicht." Das liegt an einem schockierenden Effekt: Leuchtet man mit der Taschenlampe versehentlich aus einer gewissen Entfernung in einen Spiegel, bleibt einem sofort das Herz stehen. Man bekommt unwillkürlich das Gefühl, ein anderer leuchte einem entgegen. Dass immer ich selbst dieser jemand bin, macht es nicht besser. Ich setze mich auf eine Stufe und horche wieder und denke über die Angst nach, die einen in diesem eigentlich vertrauten Raum umgibt. Und dann wird mir langsam klar, was hier unheimlich ist. In der Wüste werden wir uns über Stille kaum wundern. In Obertauern wird uns die Anwesenheit von bunten Skianoraks nicht verblüffen, in einem Wohnzimmer das Auftauchen dessen Bewohners nicht unbedingt in Schrecken versetzen. Und in einem Kaufhaus, noch dazu in einem beliebten Kaufhaus? Darin ist jede Vorstellung mit Menschen verknüpft, die umherlaufen, stehen bleiben, Kleider anprobieren oder in Tüten versenken. Kaufhäuser sind alles mögliche, nur eines nicht: menschenleer. Das ist tatsächlich unheimlich. Man fühlt sich wie der letzte Mensch auf der Welt.

Am Marienplatz um viertel vor drei

Dann probiere ich Jeans an. Zuerst gehe ich noch mit einem großen Stapel in die Umkleidekabine, aber dann wird mir klar, dass ich mich ebenso gut mitten vor dem Regal ausziehen kann. Mach ich dann. Es folgt der letzte Plan: Im Untergeschoss nach einem Anzug zu gucken. Sie haben dort ganz schöne Dinger hängen. Inzwischen bin ich locker und laufe gleich in Unterwäsche in den Keller. Dort probiere ich mehrere Modelle an, aber es ist zu dunkel für valide Kaufentscheidungen. Also renne ich auf der suche nach Lichtquellen im Anzug durchs Kaufhaus. Da sehe ich, dass etwas Licht am Haupteingang hereinfällt. Ich gehe mit dem Anzug am Leib zur großen Glastür am Marienplatz und halte den Ärmel umständlich ins Licht. Als ich aufschaue, sieht mich eine mittelalte Frau von außen an. Was macht die denn hier, um viertel vor drei? Die Passantin glotzt, ich glotze und versuche ein Lächeln. Sie ist vollkommen unaufgeregt, sieht noch einen Moment zu mir hinein und geht dann langsam weiter.

Varieté mit einem Bühnenbild

Gegen drei lege ich mich hin. Plötzlich sitzt Ludwig Beck auf meiner Bettkante. Er raucht Pfeife. "He", sage ich, "Sie dürfen hier nicht rauchen." "Das ist mir wurscht", sagt Beck. Und dass der Einzelhandel ihm am Herzen liege, besonders die Knöpfe und Posamenten. Er bläst Rauchkringel durch das Separee und fragt, was draußen so los sei. "Erdgeschichtlich passiert gerade eine Menge", beginne ich, aber er unterbricht mich. Ob die Leute noch Hosen und Hemden trügen. Ob sie noch Seife benützten. "Sicher", sage ich. Da brummt er zufrieden und klopft die Pfeife auf meinem Notizbuch aus.

Gegen sechs Uhr gehen plötzlich sämtliche Lichter an. Die Reinigungskräfte wecken mich und das Haus. Es wird nun herausgeputzt. So ein Kaufhaus ist auch Theater oder wenigstens Varieté mit einem Bühnenbild, mit Darstellern und einem ständig sich wiederholenden Programm. Ich bringe Andi die Taschenlampe zurück und verlasse LUDWIG BECK am Rathauseck durch den Seiteneingang. Bin doch nicht der letzte Mensch auf der Welt.

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